Das größte Fort Europas wartet
Wir nehmen Fotoausrüstung und zwei kleine Taschenlampen mit und schreiten ins Fort. Hier dürfen wir uns erstmal in einer Schlange anstellen um Tickets zu erwerben. Am Schalter angekommen sind wir jedoch freudig überascht über die dreisprachige Preisauszeichnung inklusive DM und können nicht nur mit deutschen Geld bezahlen, sondern bekommen auch ebensolches Wechselgeld retour - guter Service. Durch den tunnelartigen Hauptgang schreiten wir nun an dutzenden Räumen vorbei, die links und rechts abgehen. Fast alle sind verschlossen, nur die Originalbeschriftungen neben den Türnischen lassen vermuten, was sich hier verborgen hat. Offen sind lediglich die Toiletten, die übrigens im Originalzustand sind und Kabinen mit Panzertüren haben, und der Maschinenraum mit den 3 Genaratoren für die Stromversorgung. Einer der drei ist übrigens mit neuen Teilen versehen und die Lämpchen an seinem Schaltschrank leuchten, so das er vermutlich seine alte Funktion jederzeit wiederaufnehmen könnte.
Wir gehen auf dem Hauptgang weiter, der nun einen leichten Knick macht und gelangen an einen Absperrzaun mitten im Gang, an dem es nur noch links in einen Raum abgeht. Wir biegen um die Ecke und staunen Bauklötze: Eine komplette belgische Kneipe, stilecht veräuchert mit Tresen und vielen rechteckigen braunen Vierertischen. Uns dröhnt die pralle Geräuschkulisse einer Wirtschaft entgegen und wir stellen fest, das es allesamt Fort-Besucher sind. Alles in dieser Kneipe ist fortifiziert - überall an den Wänden Plakate und Hinweiszettel zu anderen Forts in Europa die man besuchen kann, an der Decke ein Holzmodell einer Junkers die einen Lastensegler im Schlepptau hat und sogar der Kneipenfernseher in der Ecke zeigt ein Video über das Fort. Über allem schwebt eine riesige Abzugshaube aus Blech, dies war wohl einmal die Kantine der unterirdischen Kaserne. Ganz am Ende des Raums geht es anscheinend nach rechts weiter und wir entdecken das 3 dieser grossen Tonnengewölbe durch zwei Durchbrüche miteinander verbunden worden sind, um Kneipe und Museum als großen Komplex zu haben. Hier steht auch ein weiterer Tresen, an dem Bücher in allen Sprachen verkauft werden. Wir erstehen eins zu DM 10,- und fragen nach der nächsten Führung in deutsch. "In 15 Minuten cirka" antwortet uns der wirklich freundliche alte Herr und wir freuen uns, das man hier nichts gegen Deutsche hat.
Nach einem Rundgang durch das Museum, in dem die Waffen, Munition und andere Gegenstände von damals ausgestellt sind, stellen wir fest, das der Angriff von damals als taktische Meisterleistung in die Geschichte eingegangen ist. Wir erstehen uns zwei Bier (2,-DM), das zum Glück noch "Jupiler" heisst und nicht gar "V1", was bei dem Ambiente hier gar nicht so unmöglich zu sein schien. Warm ist es hier, und wir warten fast 30 Minuten vergeblich und schließen uns vermeintlich einer anderen Führung in holländisch an. Diese verlassen wir und wollen uns ein wenig umschauen, aber die freundlichen Herren mit der schönen "Fort Eben-Emael"-Weste bringen uns zu einer deutschen Führung. Überall in den Gängen sieht man Gruppen - also Führungen - es werden sehr viele parallel gemacht.
Von unserem Führungsleiter erfahren wir, daß wir uns hier auf der unteren von 3 Ebenen des Forts befinden, und zwar 60 Meter unter der Oberfläche. Ansonsten schreitet die Gruppe recht schnell voran weil es eine haarscharfe Zeiteinteilung mit den anderen 17 gleichzeitigen Führungen gibt. Wir steigen höher von der Kasernenebene auf die 40 Meter Ebene und sehen viele Räume und Gänge im Schnelldurchlauf. Die Tunnel steigen stetig und 20 Meter unter der Oberfläche befinden sich dann die Schleusen zu den Geschütztürmen. Den zentralen mit der 120mm Doppelkanone besteigen wir über die Stahltreppe, die sich um den Doppelaufzug für die Munition 20 Meter empor windet. Der Geschützraum unter der großen Kuppel war für 6 Soldaten als Personal gedacht und wird mit unserer Gruppe fast zu eng. Anders als bei den anderen Geschütztürmen, ist dieser nicht einfahrbar, sondern nur komplett drehbar. Eine gewaltige Sache, bedenkt man das der Turm mit seiner 59 cm starken Chrom-Nickelstahl Panzerung über 500 Tonnen wiegt.
Alles funktioniert an der wassergekühlten Kannone automatisch, an vieles ist gedacht worden. Aber ein Verhängnis waren wohl die Toiletten, die es oben in den Geschütztürmen gab. Hier wurde an dem 24-Millionen-Mark Bauwerk gespart und nur ein Plumpsklo (aber mit Panzertür) eingebaut. Die Soldaten mußten die gärenden Fäkalien in Eimern 60 Meter in die Tiefe und dann durch den Eingang hinaus in den angrenzenden Bach schleppen. Irgendein humaner Hauptmann machte mit der stinkenden Sache irgendwann Schluß und ließ Chlor in Fäßern ranholen. Damit wurde man der Angelegenheit Herr - aber bei dem Angriff wurde das Fort durch die Detonation der Hohlsprengkörper so stark erschüttert, daß die Druckwelle die durch das Fort raste, die unten in den Gängen gelagerten Fäßer bis an die Decke schlagen ließ und diese zerbarsten. Das Chlorgas das sich nun ausbreitete war so aggressiv, das ein tiefer Atemzug zum Exitus reichte...
Der deutsche Überraschungsangriff wurde uns an einem verwüstetetn Geschützturmaufgang eindrucksvoll geschildert. Auf dem uneinnehmbaren Fort landeten einige Lastensegler, die zu dieser Zeit eine neuartige Erfindung waren, mit ca. 60 Soldaten und den ebenfalls seinerzeit neuartigen 50Kg schweren Hohlsprengladungen. Letztere waren der Grund, warum keine Fallschirmspringer eingesetzt werden konnten, weil sonst die Aushöhlung aus gepressten Sprengstoff Schaden nehmen würde und die Funktion bei der kleinsten Abweichung von der Idealform zunichte wäre. Der Trupp brachte die Ladungen an der Stahlkuppeln an und sprengte damit jeweils ein 20 cm großes Loch durch die 60 cm Panzerung. Die Druckwelle schlug bis in den letzten Winkel des Forts und erzeugte neben Toten und Verletzten unter den restlichen 1200 Mann Besatzung eine Panik. Kein Licht, Chlorgas und die Akkustik, die aus einer fallenden Gabel ein Donnergetöse macht trugen dazu bei. Mit dieser Aktion machten sie das Fort innerhalb von 15 Minuten "Blind und Stumm". Durch einen Geschützturm wollten sie dann in das Fort eindringen und sprengten oben einen Zugang, gingen die 20 Meter Eisentreppe herunter und standen dann vor der Barrikade aus zwei Panzertüren, Stahlplanken und Sandsäcken. Hier unten legten sie nun eine der 50KG Hohlladungen an den Mittelpfeiler zwischen den Türen mit einem Zeitzünder und verdrückten sich nach oben in Sicherheit. Die gewaltige Kraft sprengte die Tür samt Metallplanken weg und tötete alle unmittelbar dahinter verbarikadierten Soldaten durch fliegende Metallteile, aber die Deutschen standen 20 Meter höher vor einem unlösbaren Problem: Der Aufzug und die Treppe waren durch die Druckwelle, die ja irgendwohin musste, in tausend ineinander verkeilte Einzelteile zerlegt. 20 Meter Eisenschrott, das würde Wochen dauern, sich da durch zu schweißen...
Nach dem Rundgang, der übrigens zweieinhalb Stunden dauerte, machten wir noch einen kleinen Rundgang an den oberirdischen Auswüchsen des Forts, genossen den herrlichen Blick in das Maastal und besichtigten den Panzergraben. Nun erst einmal n Maastricht einen Happen essen und anschließend nochmal ans Maasufer um uns dort ein wenig umzusehen. Wir parken am Parkplatz an der Richard-Brücke. Es dämmert bereits aber wir schauen uns noch etwas um und stoßen direkt unter dem Straßenbogen hinter der Brücke auf einen vermauerten Eingang der ein kleines Loch aufweist. Aber das ist eine andere Geschichte...
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